October 27, 2020

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„Familienunternehmen machen vieles besser“

Nordhorn - „Trotz der angespannten Situation haben wir uns mehr als ordentlich geschlagen. Andere Regionen sind viel stärker von der Wirtschaftskrise betroffen als wir. Die Grafschaft Bentheim ist eine wirtschaftlich starke Region.“ Das betonte Dr. Wilfried Holtgrave beim Neujahrsempfang der Wirtschaftsvereinigung Nordhorn. In den Räumen der Kreissparkasse Nordhorn sprach der Vorstandsvorsitzende der Wirtschaftsvereinigung über die Auswirkungen der anhaltenden Wirtschaftskrise, die Situation in den einzelnen Branchen und gab einen Überblick über die anstehenden Aufgaben. Prominenter Gastredner war Wendelin von Boch-Galhauer. Der Aufsichtsratsvorsitzende des Traditionsunternehmens Villeroy & Boch widmete sich in seinem Vortrag den Familienunternehmen und der Bewältigung von Krisen.

Dr. Wilfried Holtgrave, orstandsvorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Nordhorn (links), und Jutta Lübbert, Geschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Nordhorn, begrüßten den Gastreferenten Wendelin von Boch-Galhau zum Neujahrsempfang der Wirtschaftsvereinigung.
Foto: Sandra Joachim-Meyer

„Für viele in der Grafschaft war 2009 ein schwieriges Jahr. Die regionale Wirtschaftskraft ist stark eingebrochen“, bilanzierte Holtgrave zunächst in seiner Ansprache. Laut IHK-Konjunkturbarometer würden die Unternehmen allerdings ihre Geschäftserwartungen wieder positiver einschätzen. Mit der derzeitigen Situation der Grafschafter Wirtschaft zeigte sich der Vorstandsvorsitzende der Wirtschaftsvereinigung nicht ganz zufrieden: Die regionale Industrie habe sich aus dem Umsatztief bislang nicht befreien können. Relativ entspannt sei die Lage jedoch im öffentlichen Hochbau dank der Konjunkturpakete. Ähnlich gut sei der Einzelhandel durch die Krise gekommen. Dramatische Einbrüche hätten Papierindustrie und Nutzfahrzeughersteller zu verzeichnen. Maschinenbau, Elektrotechnik und Teile der Chemie, Kunststoff- und Metallerzeugung litten unter mangelnder Auslastung der Kapazitäten. „In der Summe bleibt die Situation durchwachsen“.

Als stabilisierenden Faktor für die Grafschaft nannte Holtgrave die oft unterschätzte Landwirtschaft, die auf beeindruckendem Niveau investiere. Chancen sieht er im Tourismus. Der „Aktivpark Bad Bentheim“ sei ein Schritt in die richtige Richtung. Gutes hatte der Vorstandsvorsitzende der Wirtschaftsvereinigung vom Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu berichten. „Trotz Krise haben wir unser Ausbildungsangebot um zwei Prozent erhöht. Das ist eine starke Leistung“. Zudem sei der Agenturbezirk Nordhorn niedersachsenweit der Bezirk mit der geringsten Arbeitslosenquote (5,5 Prozent).

Handlungsbedarf besteht aus Holtgraves Sicht angesichts des Fach- und Nachwuchskräftemangels in den regionalen Unternehmen. „Wir brauchen ganz konkrete Projekte, die dazu beitragen, dass sich jungen Menschen hier echte Perspektiven bieten.“ Gelungen seien die Initiative des Bündnisses für Fachkräfte in der Wachstumsregion Ems-Achse und das Projekt „Partnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen“, das die Wirtschaftsvereinigung gemeinsam mit dem Landkreis aufgelegt hat. Inzwischen gebe es 23 dieser Partnerschaften, weitere stünden vor dem Vertragsabschluss.

Unabdingbar für die Standortqualität ist laut Holtgrave, der hauptberuflich Geschäftsführer der WKS Textilveredlungs GmbH aus Wilsum ist, die Verbesserung der Infrastruktur. So unterstütze die Wirtschaftsvereinigung die in Nordhorn geplante Nordumgehung und die in Emlichheim geplante Südumgehung. Die scharfe Debatte um den Flughafen Twente habe zudem deutlich gemacht, wie wichtig die deutsch-niederländische Freundschaft ist. „Wir sollten uns schleunigst zusammensetzen, offen miteinander sprechen und Missverständnisse ausräumen“, forderte der Unternehmer.

Ein enormes Innovationspotenzial bescheinigte er dem Kompetenzzentrum Wirtschaft im NINO-Spinnereihochbau, das von der NINO Forum GmbH betrieben wird. Die Wirtschaftsvereinigung ist mit 25 Prozent daran beteiligt und übernimmt das Tagungs- und Kongressmanagement.

„Viele Firmen in der Grafschaft sind typische Familienunternehmen und inhabergeführt“, sagte Holtgrave dann in seiner Überleitung auf den Gastvortrag. Wendelin von Boch-Galhau ist Vertreter eines besonders exponierten Familienunternehmens. Er hat das Unternehmen Villeroy & Boch lange Jahre als Vorstandsvorsitzender geführt. „Eine Krise kommt und geht. Es gibt gute Rezepte“, leitete von Boch-Galhau seinen kurzweiligen Vortrag ein. In der über 260 Jahre alten Geschichte des Traditionsunternehmens habe es laut dem heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden „gewimmelt vor Krisen“. Vier eklatante Krisen stellte er den Zuhörern vor: die erste 1794 während der französischen Revolution, den Verlust der ostdeutschen Werke nach dem Weltkrieg, die Globalisierungskrise und die momentane Krise. Das Unternehmen beschäftigt heute 9.221 Mitarbeiter und erzielte in den Unternehmensbereichen Tischkultur, Bad und Wellness 2008 einen Umsatz von 848,6 Millionen Euro. Für die Zukunft plant Villeroy & Boch jedoch den Abbau von 1.000 Beschäftigten.

Wie das Unternehmen im 18. Jahrhundert die Krise, ausgelöst durch die französische Revolution, meisterte, erklärte der Referent: Es sei gelungen, die Belegschaft zum Wiederaufbau zu motivieren und Innovation zu entwickeln. „Mit fortschrittliche Technologie und kämpferischem Unternehmergeist haben wir die Krise bewältigt.“ In der zweiten Krise in den Wirren des Weltkrieges habe sich die Familie dann auf ihre Wurzeln besonnen. „Unsere Familie hatte immer Land- und Forstwirtschaft, durch die wir überleben konnten. Zudem waren wir gezwungen, uns international zu bemühen. Es macht Sinn, die Eier auf verschiedene Nester zu legen“, machte der Gastredner klar. 

Ausführlich ging von Boch-Galhau dann auf die Folgen der Globalisierung ein, die sein Unternehmen ebenfalls erschüttert habe. Zum Vergleich warf er einen Blick auf die Personalkosten, die in Deutschland pro Jahr 44.000 Euro betragen, in China hingegen bei 2.500 Euro, in Mexiko bei 6.000 Euro und das bei 48 Wochenarbeitsstunden. Seit 1991 habe die keramische Industrie knapp 70 Prozent an Beschäftigten verloren.

Die aktuelle Krise habe sein Unternehmen im Oktober 2008 durch gravierende Auftragsrückgänge, vor allem aus den USA, gespürt. „Sie müssen in der Krise immer wieder dynamisieren und schnell entscheiden. Mittelfristige Pläne werden bei uns vorgezogen und schon in den nächsten beiden Jahren schnell und konsequent umgesetzt. Hinzu kommt ein intelligentes Kostenmanagement. Liquidität ist wichtig“, verrriet von Boch-Galhau sein Konzept. Dabei setzt er nicht zuletzt auf die Ausrichtung als Familienunternehmen:  „Vieles machen Familienunternehmen besser. Sie denken nachhaltig, schätzen Risiken besser ein, finanzieren konservativer, weil sie eigenes Geld auf das Spiel setzen. Sie verzichten auf schnellstmögliches Wachstum und sind loyal zu ihren Arbeitnehmern“, fasste er abschließend zusammen.

Von Sandra Joachim-Meyer Mittwoch, 27. Januar 2010
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