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„‚America first‘ ist ein dummer Spruch“

Nordhorn - „Die bisherige Weltordnung wird es so in Zukunft nicht mehr geben.“ Davon ist Jürgen Fitschen, ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und heute Mitglied der „Trilateralen Kommission“ und Vorstandsmitglied der „Atlantik-Brücke“, überzeugt. Vor rund 460 Gästen sprach er beim Neujahrsempfang der Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim in Nordhorn über die Rolle der USA sowie über die Bedeutung von China und Europa in der Weltpolitik.

Beim Neujahrsempfang (von links): Jutta Lübbert (Geschäftsführerin Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim), Dr. Wilfried Holtgrave (Vorstandsvorsitzender Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim), Jürgen Fitschen (Gastredner), Reinhold Hilbers (niedersächsischer Finanzminister) und Dr. Daniela De Ridder (Bundestagsabgeordnete).
Foto: Wittenberg

Als größten Treiber in der künftigen Weltordnung sieht Fitschen China: „Mit einer internationalen und marktwirtschaftlichen Ausrichtung sowie einer starken Forschungs- und Technologieentwicklung ist es China in den vergangenen Jahren gelungen, zu einer großen Wirtschaftsmacht zu werden. Entscheidend ist nun die Frage, ob China diese wirtschaftliche Macht auch politisch umsetzen kann und damit der USA Konkurrenz macht“, betonte er.

Die Rolle der USA betrachtete Fitschen hingegen mit Skepsis: „Offene Grenzen für Menschen sowie für freien Handel mit Waren und Dienstleistungen reißt Donald Trump mit Protektionismus wie beispielsweise der Errichtung einer Grenze zu Mexiko einfach wieder ein.“ Der ehemalige Deutsche Bank-Vorstand sprach sich entsprechend deutlich gegen die Politik des US-Präsidenten aus: „‚America first‘ ist ein dummer Spruch. In Zeiten der Globalisierung auf Grenzen zu setzen, um die USA zu schützen, ist einfach nicht schlau. In der künftigen Weltordnung wird man sich mit vielen Partnern abstimmen müssen.“

Kritische Worte fand Jürgen Fitschen für die Politik von Donald Trump.
Foto: Wittenberg

Indes attestierte Fitschen Europa eine geringe Rolle in der globalen Weltordnung. Der Grund: „Politische Macht hängt von wirtschaftlicher Macht ab – und genau da gibt es trotz guter Wachstumsprognosen noch einige Baustellen in Europa. Das Flüchtlingsproblem ist noch lange nicht gelöst, ebenso wie die Staatsverschuldung seit der Finanzkrise“, erklärte er. Wichtig sei es, Europa wieder attraktiv zu machen. Einen Ansatzpunkt sah Fitschen in dem Ausbau der IT-Infrastruktur: „Die Digitalisierung ist eines der größten Probleme – für unsere IT-Netzwerke werden wir in Asien nur belächelt. Es gilt, in dieser Sache aufzuholen und sich, neben der Infrastruktur, auch Gedanken über die Arbeitsplatzentwicklung zu machen. Denn klar ist, dass durch die Digitalisierung einige Arbeitsbereiche automatisiert werden, an anderer Stelle werden wiederum neue Arbeitsplätze entstehen.“

Einen Blick auf die Entwicklung im Zuge der Digitalisierung warf auch Dr. Wilfried Holtgrave, Vorstandsvorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim, in seiner Rede beim Neujahrsempfang: „Insbesondere in ländlichen Gebieten ist die Anpassung der digitalen Infrastruktur eine außerordentliche Herausforderung. Ohne Anbindung an leistungsfähige Datennetze ist den Unternehmen keine Digitalisierung möglich“, betonte er. In der Grafschaft Bentheim gebe es bereits einige Projekte, um den Glasfaserausbau voranzutreiben. Eine weitere Herausforderung für die Grafschafter Wirtschaft sei nach wie vor der Fachkräftemangel. Holtgrave appellierte daher daran, die berufliche Bildung zu stärken. „Insbesondere das duale Ausbildungssystem bietet ganz hervorragende Möglichkeiten für die Fachkräftesicherung in den Unternehmen“, betonte er. Generell starte die Grafschafter Wirtschaft zuversichtlich ins neue Jahr. „Laut der Herbstumfrage von Creditreform beurteilen über 75 Prozent der regionalen Unternehmen die Geschäftslage gut bis sehr gut, das hat es noch nie gegeben“, freute sich Holtgrave.

Von Anja Wittenberg Montag, 15. Januar 2018
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