„Ein zweiter Lockdown wäre nicht tragbar“

Die Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim befragt seit dem Beginn der Corona-Pandemie regelmäßig ihre Mitglieder. Aktuell liegen die Ergebnisse der dritten Umfrage vor. Wie es den Unternehmen in der Grafschaft zurzeit geht, wo sie weiteren Unterstützungsbedarf sehen und wie die Wirtschaftsvereinigung ihren Mitgliedern unter die Arme greift, erklärt Geschäftsführerin Jutta Lübbert.

Jutta Lübbert, Geschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim
Foto/Quelle: Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim

Frau Lübbert, Sie haben aktuell die Mitglieder der Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim zur Corona-Situation befragt. Wie ist demnach die Stimmung bei den Unternehmen in der Grafschaft Bentheim?

In unserer Befragung und der anschließenden Diskussion mit Vertretern der Unternehmen haben wir festgestellt, dass zwar alle Unternehmen von der Corona-Krise betroffen sind, aber in sehr unterschiedlicher Art und Weise. Das spiegelt sich auch im Stimmungsbild wider.
Besonders die Textilbranche im Bereich Fashion ist radikal betroffen – sowohl Zulieferer als auch Hersteller und Dienstleister. Zulieferer für die Automobilbranche dagegen verzeichnen wieder erste Auftragseingänge.
Generell lässt sich sagen, dass sich die Stimmung nicht weiter eingetrübt hat, sondern dass es in einzelnen Bereichen eine spürbare Erholung gibt. Was aber auffällt: Die Unternehmen bewerten die aktuelle Lage positiver als die Aussichten für die Zukunft.

Inwiefern kommen die vom Bund und Land gestarteten Hilfsprogramme bei den Unternehmen an?

Das prioritär wichtigste Instrument ist zurzeit die Kurzarbeit. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen nimmt Kurzarbeit in Anspruch oder hat sie in Anspruch genommen. Etwa ein Viertel bis die Hälfte der Befragten wird sie auch in den kommenden Monaten beanspruchen. Vor diesem Hintergrund sind wir froh, dass sich die Regierungskoalition auf eine Verlängerung der Bezugsdauer verständigt hat. Denn wir können ganz klar sehen: Diese Krise wird für einen Großteil der Unternehmen länger dauern. Da ist Kurzarbeit ein probates Mittel, um die Kernbelegschaft an Bord zu halten. Sie ist auch deshalb so hilfreich, weil der Fachkräftemangel trotz Corona weiter besteht.
Außerdem nutzen unsere Mitgliedsunternehmen die Stundung von Steuern oder setzen Vorauszahlungen herab. Sehr wahrscheinlich werden auch diese beiden Hilfen länger in Anspruch genommen werden müssen als vorgesehen – deshalb muss auch dort eventuell nochmal nachjustiert werden.

Wie sieht es mit den Überbrückungshilfen aus?


Die Überbrückungshilfen, die mit rund 25 Milliarden Euro den größten Teil des Hilfspaketes der Bundesregierung ausmachen, sind ebenfalls nach wie vor ein Thema. An dieser Stelle würden wir uns manchmal wünschen, dass die Hilfen noch schneller bei den Unternehmen ankommen, als das bisher der Fall ist. Auch hier begrüßen wir die Verlängerungspläne der Bundesregierung.

Wie bewerten die Unternehmen eigentlich die Mehrwertsteuersenkung?

Die wurde von den Unternehmen durchaus kritisch diskutiert. Mit rechnerisch rund 20 Milliarden Euro ist diese Hilfe das zweitgrößte Instrument der Bundesregierung. Die Senkung wird kritisch gesehen, weil sie vor allem im Endkundenbereich einen erheblichen Aufwand mit sich bringt. Besonders, wenn sie Ende des Jahres wieder aufgehoben wird. Außerdem ist das Konsumverhalten der Menschen nach wie vor zurückhaltend. Inwiefern die Mehrwertsteuersenkung das auffangen kann, ist unklar. Insgesamt wünschen sich viele Unternehmen, dass der gesamte Prozess durch eine Steuerreform begleitet werden würde. Eine Unternehmenssteuerreform, die den Betrieben nachhaltig Liquidität verschafft, würden viele begrüßen.

Wo sehen die Unternehmen weiteren Unterstützungsbedarf?

Den größten weiteren Unterstützungsbedarf sehen die Befragten auf jeden Fall auf dem Feld der Information. Sie möchten in der Lage sein, proaktiv Szenarien zu entwickeln, wenn es Infektionsfälle im eigenen Betrieb oder im Arbeitsumfeld gibt, um rechtzeitig und richtig darauf reagieren zu können. Mit dem Landkreis Grafschaft Bentheim stehen wir in regelmäßigem Austausch. Dieser hat nun angekündigt, Arbeitsgruppen für verschiedene Handlungsfelder zu bilden, an denen auch Partner außerhalb der Kreisverwaltung beteiligt sind. Wir hoffen, dass wir damit dem Informationsbedarf der Unternehmen begegnen können.

Was sind die größten Herausforderungen in den nächsten Monaten?


Die Frage nach der zweiten Welle und wie sich das Infektionsgeschehen vor Ort vor dem Hintergrund von Urlaubsrückkehrern, Schulöffnungen und so weiter entwickeln wird. Ein zweiter Lockdown wie im März und April wäre für die Unternehmen nicht tragbar. Die Herausforderung besteht darin, gemeinsam mit den Akteuren vor Ort Strategien zu entwickeln und herauszufinden, wie man mit einem erhöhten Infektionsgeschehen so umgehen kann, dass die Unternehmen weiter in der Lage sind zu arbeiten.
Extrem wichtig ist es auch, unter den gegebenen Bedingungen ein gutes Informationsmanagement mit Kunden und Mitarbeitern am Laufen zu halten und das Forderungsmanagement sowie die Liquidität weiterhin gut zu steuern. Eine nicht zu unterschätzende Anforderung ist darüber hinaus, die Belegschaft motiviert zu halten. Auch das ist nicht einfach.

Wie unterstützen Sie als Wirtschaftsverband Ihre Mitglieder in der Corona-Krise?

Nach einer ersten Orientierungsphase haben wir uns auf einen Dreiklang verständigt, der aus unserer Sicht gut angenommen wird. Zum einen bieten wir direkte Hilfestellung über persönliche Kontakte. Zum anderen haben wir uns auf Informationen konzentriert, die regional von Belang sind und diese an unsere Mitglieder weitergegeben. Wir haben Videokonferenzen organisiert, bei denen sich unsere Mitglieder beispielsweise mit dem Leiter des hiesigen Gesundheitsamtes oder dem niedersächsischen Finanzminister austauschen konnten. Außerdem haben wir unsere Webseite zum Thema Corona ausgebaut.
Unser drittes Standbein ist die Mitgliederbefragung, auf deren Grundlage wir im April ein Papier entwickelt haben, in dem wir die Forderungen der Unternehmen gebündelt und an verschiedene Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker weitergeleitet haben. Darin ging es unter anderem darum, frühzeitig und nachhaltig zu informieren, Zuschüsse und Förderungen nachzujustieren, zusätzliche Rahmenbedingungen für systemrelevante Produkte zu schaffen und die Digitalisierung voranzutreiben. 


 

Von Julia Schwietering Mittwoch, 26. August 2020